Neue, flexible und offene  Tumorbasisdokumentation

QuaDoSta: Qualitätssicherung, Dokumentation und Statistik, eine open source Lösung am Beispiel onkologischer Dokumentation

F. Schad, B. Matthes, J. Pissarek, H. Matthes  

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Einleitung

Die Aufgabe onkologischer Epidemiologie ist es, umfassende Daten in der Bevölkerung zu erfas­sen, um wissenschaftliche Gesichtspunkte über Häufigkeit, Ätiologie, Krankheits­verlauf und Therapieerfolg von Krebserkrankungen zu gewinnen (1). Die onkologische Doku­menta­tion in Deutschland ist lückenhaft, die Ursachen dafür sind vielfältig (4). Bisher steht kein Dokumentationssystemen zur Verfügung, welches den technischen und praktischen Anforde­rungen einer flächen­deckenden Epidemiologie einerseits und klinisch-wissenschaftlich An­sprüchen andererseits genügt. Viele der vorhan­denen Dokumentationssysteme sind im Kran­kenhausalltag nicht praktikabel, weil zu umfang­reich und in der Anwen­dung zu kompliziert. Die Systeme enthalten zudem unterschiedliche Pa­rameter, so dass aus der Schnittmenge keine einheitliche Tumordokumenta­tion gewährleistet ist. Vor allem aber sind die zu erhebenden Para­meter in diesen Systemen fest programmiert und können individuellen Anforderungen des Endan­wenders nicht angepasst werden. Eben­falls können Neuerungen in Therapie­standards und Qualitätssicherung nicht zeitnah in diesen Systemen realisiert werden. Im Folgenden wird mit QuaDoSta (s.u.) am Beispiel einer Tumorbasisdoku­mentation ein neues Datenmodell vorge­stellt, in dem ein universeller, grundsätz­lich flexibler und DV-technisch offener (open source) Lösungsansatz verwirklicht werden konnte.

Tumorbasisdokumentation (TBD)

Die Struktur der vorliegende Tumorbasis­dokumentation (TBD) gliedert sich in einen Ge­samtkatalog und beliebig zu wählende Er­gänzungsparameter (Abb. 1). Beide können vom Anwender frei definiert werden und ohne Programmierung durch eine soge­nannte flexible Katalogverwaltung jederzeit ergänzt und geändert werden. Bei Anlage der Kataloge werden die Parameter als statische, dynamisch, fakultative Felder oder als Pflichtfelder angelegt. Wir benutzen als Grundkatalog die von der Deutschen Krebsgesellschaft empfohlene Basisdo­kumentation für Tumorkranke (BDT) (2). Als Ergänzungsparameter können fehlende Items z.B. Anforderungen des Krebsregisters, von Tumorzentren oder anderen Datenbanken und hausinterne Parameter eingegeben werden. Aufgrund dieser Katalogflexibilität kann die TBD auch als Grundlage für neue Studienparame­ter oder Anwendungsbeobachtungen genutzt werden. Wir halten hier z.B. die CTC-Krite­rien der WHO (3 ,4), die LENT-SOMA-Krite­rien zur Bewertung langfristiger Thera­pieerfolge in der Onkologie (5) und Lebens­qualitätsfragebögen (SF 36 u.a.) vor.

Datenimport

Aus dem Pool von Gesamtkatalog und Ergänzungsparameter werden für die Doku­mentation Eingabemasken, sogenannte Sichten erstellt (Abb. 1). Auch diese sind vom Anwender indi­viduell zusammenzustellen und können so umfangreich oder begrenzt sein, wie es den jewei­ligen Anforderungen entspricht. Für die Dokumentation am Stations-PC wird z.B. eine Aus­wahl von Pflicht-Feldern gewählt (Datum der ED, Tumorentität, TNM-Klassifikation, Responderstatus u.a.), die bei jedem Aufenthalt vom Stationsarzt ausgefüllt wer­den. Für internistische, chirurgische oder gynäkologische Stationen können jeweils verschiedene Sichten mit den Fachspezifika erstellt werden. Die um­fangreiche und wissenschaftliche Do­kumentation kann davon getrennt nach Aktenlage durch Dokumentationsas­sistenten oder Studienärzte in einer weiteren Dokumentationsmaske erfolgen (Abb.1, unten).Durch die Anbindung des Systems an das Krankenhausinformationssystem, werden die Grunddaten der Pati­enten automatisch importiert. Wiederholte Eingabe elektronisch vorge­haltener Information wird damit grund­sätzlich vermieden. Über die manuelle Eingabe hinaus kann je nach Schnittstellen im Krankenhaus ein automati­scher Datenimport auch aus dem Labor­system, der Röntgenbefunde oder der Pathologie erfolgen. Die flexible Katalog und Sichtenverwaltung erlaubt weitere klinische Daten­erhebung, z.B. Befunddokumentation in Kardiolo­gie oder Diabetologie und sie hat fol­gende Vor­teile: Die Datenbank kann jederzeit den individu­ellen wis­senschaftlichen Interessen des End­an­wenders und wissenschaftlichen Neuerungen wie Standardthe­rapien und Studien ohne Pro­grammier­aufwand angepasst werden. Innerhalb von Institu­tion kön­nen pro Abteilung oder Fachrichtung spezifische Dokumentations­sichten ohne zusätzli­che Pro­grammierung angelegt und jederzeit geän­dert werden.

Auswertung und Datenexport

Der Datenexport erfolgt zur Zeit über flexible SQL-Werkzeuge (z.B. Standardlösungen über ODBC). Geplant ist auch für die Auswertung eine flexible Itemauswahl zu programmieren, bei der sich der Anwender ähnlich wie bei der Dateneingabe seine individuelle Auswertung zusammenstellt. Solche Lösungen sind als Data-ware-house Lösungen bereits auf dem Markt erhältlich. Zur Auswertung können dann vorhandene Graphik-und Statistikprogramme an die TBD angeschlossen werden. Der Datenexport aus dem System nach extern ist variabel möglich. Vorgegebene Anforderungen des Krebsregisters oder des Tumorzentrum werden nach einmal etablierten Filtern exportiert. Insgesamt erlaubt der Daten­export beliebig viele Schnittstellenapplikationen.

Informationstechnik der QuaDoSta

Die IT-Plattform, welche die vorgestellte Tumor­basisdokumentation stützt, wurde von uns QuaDoSta genannt (Qualitätsicherung, Dokumentation und Statistik). Die Datenhaltung der QuaDoSta basiert auf SQL- Datenbanken unter Linux auf die über Perl-CGI Skripte mittels web-Browser zugegriffen wird. Damit ist ein kostengünstiges Prinzip gewählt und größtmögliche Flexi­bilität gewährleistet. LAMP als Akronym der Basistechnik aus dem IT open source Umfeld bekannt, wurde im Rahmen der QuaDoSta-Entwicklung zu LAP² abgewandelt:

 

LAMP

LAP²

Betriebssystem

LINUX

LINUX

Applikationsserver

Apache

Apache

Datenbank

MySQL

PostgreSQL

Programmiersprache

PHP od. Perl

Perl

 

QuaDoSta kann über die Verwaltung der Tumordokumentation hinaus im Krankenhaus viel­fältig eingesetzt werden. Die Abwicklung der OPS-Daten via Stations-PC, die Organisation von Chemotherapien sowie die DRG-Dokumentation, können unter anderem über das QuaDoSta-System verwaltet werden.

Datenvernetzung und medizinische Netzwerke

Die vorgestellte Tumorbasisdokumentation ist für die Nutzung im Krankenhaus mit onkologi­schem Schwerpunkt entwickelt worden. Auf Grundlage des QuaDoSta-Systems ist aber die Verwaltung von Daten zwischen Institutionen, z.B. der Zusammenschluss mit niedergelas­senen onkologischen Schwerpunktpraxen oder dem jeweiligen Tumorzentrum möglich (Abb 2). Zur Zeit sind Anträge beim Datenschutz gestellt auf QuaDoSta-Basis bundesweite Projekte zur Vernetzung von Krankenhäusern (Netzwerk Onkologie) und Erhebungen pharmakoepidemiologischer Daten im niedergelassenen Bereich durchzuführen. Durch Daten-sharing nicht anonymisierter Pati­entendaten im Rahmen von QuaDoSta-basierten medizinischen Netzwerken können zukünftig erhebliche Kosteneinsparung und Qualitätssicherung in der Kommunikation zwischen statio­närer und ambulanter Patientenversorgung (integrierte Versorgung) realisiert werden (z.B. mittels VPN, SSC).

Zusammenfassung

Mit der vorgestellten Tumordokumentation (TBD) auf Basis des QuaDoSta-Systems kann durch höhere Attraktivität und Akzeptanz beim Endanwender ein Beitrag zu einheitlicher onko­logischer Dokumentation und zur Verbesserung epidemiologischer Daten geleistet werden. Mit QuaDoSta kann jede externe Dokumentationsanforderung ohne Programmier­aufwand flexibel integriert werden. Über eine anwenderspezifische Dokumentation hinaus können gemeinsame Daten­pools definiert und eine einheitliche und vergleichbare Datener­fassung zwischen Krankenhäu­sern, Praxen oder Tumorzentren etabliert werden. Das System kann zukünftigen Empfehlun­gen oder Dokumentationsrichtli­nien von Fachgesellschaften jederzeit angepasst werden. Die flexible Katalog,- und Sichtengestaltung er­möglicht die Nutzung des QuaDoSta-Systems als univer­selle Datenbank für medizinische Fragestellungen. Durch seine Plattformunabhängigkeit eig­net es sich zur vernetzten Da­tenerhebung und zum Aufbau medizinischer Netzwerke.

Dr. med. F. Schad, B. Matthes, J. Pissarek, Dr. med. H. Matthes

Forschungsinstitut Havelhöhe am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe

Kladower Damm 211, 14089 Berlin

Email: Friedemann Schad

 

Abkürzungen

CGI = Common Gateway Interface

DRG = Diagnosed Related Groups

ODBC = Open Database Connectivity

SQL = Structured Query Language

OPS = Operationsschlüssel

QuaDoSta = Qualitätsicherung, Dokumentation und Statistik

SSC = SCSI-3 Stream Commands

TBD = Tumorbasisdokumentation

VPN = Virtual Private Network

Abstract

Onkologische Epidemiologie ist in Deutschland noch sehr lückenhaft. Dokumentationsrichtlinien der Krebsregister oder Tumorzentren sind uneinheitlich. Vorhandene Datenbanken sind starr programmiert und häufig nicht kompatibel. QuaDoSta ist ein offenes, plattformunabhängiges Dokumentationssystem, welches inhaltliche Flexibilität (Parameter,- Katalog,-und Sichtenverwaltung), flexible Dokumentation und Auswertung erlaubt. Die IT basiert auf Linux, Postgree-SQL und Perl-CGI-Scripts. In der Anwendung als Tumorbasisdokumentation können individuelle Anforderungen des Endanwenders realisiert und zugleich gemeinsame, einheitliche Datenhaltung zwischen Krankenhäusern, Krebsregistern oder Tumorzentren und in Netzwerken stationär-ambulanter Patientenversorgung etabliert werden.
Schlüsselwörter: Epidemiologie, Krebsregister, Tumorzentren, Software zur Tumordokumentation,
Postgree-SQL, QuaDoSta.

Literatur

  • Batzler, W., D. Schön, et al. (1999). Krebs in Deutschland, Hrsg. Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsbezogener Krebsregister in Deutschland. 2. Auflage.
  • Dudeck, J., G. Wagner, et al. (1999). Basisdokumentation für Tumorkranke. Prinzipien und Verschlüsselungsanweisungen für Klinik und Praxis., Zuckschwerdt Verlag.
  • Heinrich, M., Seegenschmiedt, et al. (1999). "Dokumentation von Nebenwirkungen in der Onkologie." Deutsches Ärzteblatt 96(8): 384-389.
  • NCI (1998). Common toxicity criteria (CTC). Woshington, USA, National Cancer Institut.
  • Seegenschmiedt, M. H., R.-P. Müller, et al. (2000). "Lent-Soma-Kriterien. Interdisziplinäre Bewertung von langfristigen Therapiefolgen in der Onkologie." Deutsches Ärzteblatt 97(37): 1814-1820.
  • Abbildungen

    Abb. 1

    Abb. 2

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