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Konstitution und Psychometrie

Zum Konzept der autonomen Regulation und zum Evaluationsstand

Hintergrund:

Basierend auf verschiedenen Fragen zur vegetativen Regulation, die erstmalig von Rudolf Steiner zur Abschätzung der Interaktion zwischen Seelisch-Geistigem und Körperlich-Funktionellen erwähnt wurden, konnten nach Kriterien der modernen Testtheorie objektive, reliable und valide Fragebögen und das zugrunde liegende Konstrukt der autonomen (vorübergehender Arbeitsbegriff: endogenen) Regulation (aR) entwickelt werden (1). Unter autonomer Regulation (aR) wird der Regulationszustand einzelner vegetativer Funktionen im rhythmischen Wechsel von Ruhe- und Aktivität im Tagesverlauf verstanden. Die aR wird durch Konstitution, Geschlecht, Alter und Krankheit beeinflusst. Unter physiologischen Bedingungen ist autonome Regulation im Sinne eines Trait-Markers relativ stabil. Im Rahmen von Krankheit und von Befindlichkeitsstörungen kann es zu Regulationsverlust kommen, der zu einer Erniedrigung der aR führt. Dieses wird mittels des State-aR abgebildet. Die aR wird durch Addition der einzelnen Fragen mittels Summen-Score abgebildet.

Unser Interesse an diesem Konzept begründet sich in der Hoffnung, ein Konzept zu entwickeln, das wesentliche konzeptionelle (konstitutionelle) und therapeutische Ansätze der Anthroposophischen Medizin abbildet und überprüfbar macht. Dies gilt umso mehr, als allgemeine gesundheitsbezogene Lebensqualitätsfragebögen keine befriedigende Diskriminierung zwischen Gesunden und internistisch Kranken ergeben. Als Grund werden u.a. zu große mentale Einflüsse diskutiert, deshalb wird mit dem Konzept der autonomen Regulation versucht, sensitiver funktionell-vegetative Dysregulationen zu erfassen.

Um darüber hinaus auch Regulationsverlust infolge von Krankheit erfassen zu können, wurde zur konstitutionserfassenden Trait Version auch eine State Version entwickelt (4). Beide Versionen bestehen aus 18 Fragen in drei Subskalen in der Trait Version (orthostatisch-zirkulative Regulation, Ruhe-Aktivitäts-Regulation, Verdauungsregulation), bzw. aus vier Subskalen in der State Version (die oben genannten drei Subskalen zuzüglich einer Skala zur Schwitzregulation) (2) (4). Für die Trait Version besteht darüber hinaus eine aus zwölf Fragen bestehende Kurzversion. Für diese liegen bereits eine Reihe von Untersuchungen vor, die deren klinische und konzeptionelle Bedeutung unterstreichen.

Zu einzelnen Untersuchungen:

So wurden 408 Studienteilnehmern (♀:n =284, ♂:n =124), unter anderem Patienten mit kolorektalem-Ca (n =49), Mamma-Ca (n =95), Diabetes mellitus (Typ 1: n =20, Typ 2: n =40), koronarer Herzerkrankung (n =39), rheumatologischen Erkrankungen (n =28), Multimorbide (n =22) und einer gesunden Kontrollgruppe (n =115) in die HKF2.1 Studie eingeschlossen.

Gesunde weisen die höchste aR auf, mit einer Mittelwert (MW)-Schätzung von 29,8. Patienten mit Mamma-Ca, Diabetes mellitus Typ 2, KHK und mit rheumatologischen Erkrankungen haben eine signifikant erniedrigte aR. Multimorbide Patienten zeigen erwartungsgemäß die niedrigste aR. Kolon-Ca-Patienten und Typ 1-Diabetiker zeigen mit 27,9 und 27,3 keine signifikant erniedrigte MW-Schätzung gegenüber der Kontrollgruppe.

Hohe aR korreliert signifikant (p<0,002) mit folgenden Kriterien: geringe Angst (r=0,49), geringe Depression (r=0,36), hohe Selbstregulation (r=0,34), Morgentypologie (r=0,40), weniger kongestives Schwitzen (r=0,26) und weniger Frieren (r=0,23) sowie weniger Dysmenorrhoe (r=0,38) oder Allergien (r=0,17). (3)
In einer anderen Studie konnte an einer gesunden Seniumgruppe (S; n=40; 82-97 Jahre) und Kontrollgruppe (K; n=44; 30-81 Jahre) gezeigt werden, dass der aR-Kurzfragebogen mit 12 Fragen hinreichende Bezüge zu Standardfragebögen des geriatrischen Assessment zeigen: (Mini Mental State Examination (MMSE), Cumulative Illness Rating Scale (CIRS), Physical Self-Maintenance Scale (PSMS), Kurzform des Geriatic Depression Scale (GDS)).
Hohe eR korreliert außerdem mit geringerer körperlicher Beeinträchtigung (PSMS r=0.423, p=0.007, Spearman Rangkorrelationen), weniger Erkrankungen (CIRS r=-0.44, p=0.004) und seltener depressiven Antworten (GDS r=-0.44, p=0.005). Zudem zeigen die relative gesunden alten Damen eine niedrigere aR als die jüngere Kontrollgruppe (p=0.022) (5).

Schlussfolgerungen: Gesunde zeigen die höchste, Multimorbide die niedrigste aR. Konsistente Beziehungen zu Gesundheit, Krankheit, Wärmeregulation, Persönlichkeitspräsenz und dem geriatrischen Funktionszustand und seelischen Zustand werden gezeigt. Gesunde Alte zeigen dabei eine niedrigere autonome Regulation als jüngere Gesunde im mittleren Alter aber immer noch eine höhere autonome Regulation als unterschiedliche internistische Krankheitsgruppen.

Literaturangaben

  1. Kröz M, Laue von H, Zerm R, and Girke M. [Development of a Questionnaire for Endogenous Regulation - a Contribution for Salutogenesis Research]. Forsch Komplementär Med Klass Naturheilkd 10: 70-77, 2003.
  2. Kröz M, Laue von H, Zerm R, Reif M, Girke M, and Heckmann C. A new long version of trait marker questionaire for endogenous regulation. Program & Abstracts, 1st World Congress of Chronobiology, Sapporo, 2003, p. 73.
  3. Kröz M, von Laue H, Zerm R, Brauer D, Reif M, Girke M, Matthes H, and Heckmann C. [Reduction of endogenous regulation in internal medicine patients]. Forsch Komplementarmed Klass Naturheilkd 12: 333-341, 2005.
  4. Kröz M, Zerm R, Brauer D, Kirchhof M, Reif M, von Laue H, and Girke M. Neue Inventare zur Erfassung des Wochen-State von endogener Regulation und innerer Kohärenz bei Krebspatienten. Med Klin 100, 2005.
  5. Paaschen D. Gesundheit im Senium, endogene Regulation und vegetative Konstitution bei hochbetagten Frauen. Witten/Herdecke: Universität Witten/Herdecke, 2005.

Bei Interesse können die Fragen zur aR (autonome Regulation) aus dem T-HKF 2.4 hier angefordert werden.