Anwendungsbeobachtung der besonderen Therapierichtungen
Seit 1976 im Rahmen der Novellierung des Arzneimittelgesetzes in Deutschland hat sich der Bundestag für den Methodenpluralismus in der Wissenschaft und Medizin ausgesprochen und die besonderen Therapierichtungen der Phythotherapie, Homöopathie und Anthroposopischen Medizin im Sozialgesetzbuch expizit aufgenommen und ihnen eine Sonderrolle zugewiesen.
In der englischen Sprache ist der Ausdruck "Complementary and Alternative Medicine" (CAM) gebräuchlich [1].
Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen werden von 60% aller niedergelassenen Ärzte eingesetzt [2] und 75% aller Patienten haben diese schon eingenommen. Obwohl über Wirkung und Wirksamkeit kontrovers diskutiert wird, genießen sie einen hohen Grad der Akzeptanz bei Arzt und Patient.
Im Streit der Theorien zwischen Schulmedizin und komplementären Heilverfahren geht es häufig um ‚gefühltes Wissen’. Der Patient empfindet konventionelle Medikamente als gefährlich, weil sie mit hohen Nebenwirkungen belastet sind und wirft der Schulmedizin mangelnde Ganzheitlichkeit vor. Naturheilverfahren dagegen hätten keine Nebenwirkungen und würden im schlimmsten Fall nur einfach nicht wirken [3]. Kritische Ärzte sehen im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin die wissenschaftlich geprüfte, saubere, seriöse Medizin einer unkritischen Heilkunst, einer anderen, befremdlichen, buntscheckigen, abenteuerlichen und glaubensüchtigen Heilkunst gegenübergestellt [4], die nicht für vollwertig angesehen werden kann.
Ein Teil der Kontroverse zwischen Schul- und Komplementärmedizin liegt in den Standards der klinischen Forschung verborgen. Konventionelle Medikamente müssen, bevor sie auf den Markt kommen, ihre Wirksamkeit gegenüber Placebos beweisen und nachweisen, dass der Nutzen des Medikamentes größer ist als der Schaden, der durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen entsteht.
Komplementärmedizinische Medikamente dagegen werden seit Jahrhunderten angewendet und waren schon verfügbar, bevor die klinische Forschung entwickelt wurde. Da CAM Arzneimittel nicht mehr nachträglich den Zulassungsweg eines neuen, konventionellen Arzneimittels durchlaufen mussten, fehlen oft Daten zur Wirksamkeit, zum Diagnose- und Therapiespektrum und zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen [5] und damit Daten für eine wissenschaftliche Beurteilung.
Im Vergleich zur Zulassung konventioneller Medikamente bedeutet das eine Umkehrung der Forschungsfolge [6]. Während in der pharmakologischen Forschung die Suche nach der chemischen Substanz am Anfang und die Anwendung in der Praxis am Ende steht, beginnt die Forschung an CAM erst nach der jahrelangen praktischen Anwendung (Bild 1).
Bild 1 Forschungspläne für konventionelle und komplementäre Medizin (angepasst aus [6])
Forschungspläne für konventionelle und komplementäre Medizin (angepasst aus [6])Der Vergleich von Wirkung und Wirksamkeit konventioneller Präparate mit Medikamenten der CAM ist schwierig, weil die medizinischen Richtungen unterschiedliche Konzepte im Heilungsprozess verfolgen. Konventionelle (allopathische) Medikamente verfolgen meist einen hemmenden Effekt auf pathogenetisch bedeutsame Regulationsprozesse. Die Wirkung steht im Verhältnis zur eingesetzten Dosis und ist als Konzentration im Körper messbar. Das Wirkprinzip ist meist ein mechanistischer Ansatz des Schlüssel – Schloß Prinzips, mit Hemmung an Rezeptoren oder Schlüsselenzymen (z. B. Antihypertensiva wie β-Blocker), bzw. stellt eine einfache Substitution dar (z. B. Insulin). Die Heilung durch CAM dagegen hat häufig den Anspruch salutogene Selbstregulationsprozesse anzuregen und zu stimmulieren [7]. Es besteht der Anspruch bei dem erkrankten Menschen diejenigen Prozesse zu unterstützen, die der Organismus selbst in der Auseinandersetzung mit der Erkrankung aufruft.
Arzneimittel der CAM mit Registrierung fehlen, trotz langer, klinischer Anwendung, Daten über den detaillierten Gebrauch, das Indikationsspektrum und die Häufigkeit unerwünschter Arzneimittelwirkungen.
Das Forschungsinstitut Havelhöhe hat sich die Aufgabe gestellt, mit Anwendungsbeobachtungen in ambulanten Praxen eine wissenschaftliche Grundlage für die Analyse und Bewertung von CAM Medikamenten zu schaffen. Primäre Ziele der Anwendungsbeobachtungen sind:
- Erkenntnisse über die Anwendung in der alltäglichen ärztlichen Praxis zu gewinnen
- unerwünschte Arzneimittelwirkungen zu erfassen.
Zuallererst dient die Datenbasis der Beschreibung, zu welchem Krankheitsbild die CAM Medikamente eingesetzt werden und der Berechnung der Häufigkeit unerwünschter Arzneimittelwirkungen. In der Folge können Fragestellungen zur Prüfung der Wirksamkeit und des Nutzens daraus entwickelt werden.
Seit 2004 läuft das Projekt zur Evaluation der Anthroposophischen Medizin (EvaMed) und das Projekt Einsatz von Phytotherapeutika im medizinischen Alltag (Ephraim) wird seit 2011 aufgebaut. In dem EvaMed Projekt konnte bereits die hohe Sicherheit der Anthroposophika nachgewiesen sowie eindrucksvolle Wirksamkeitsbelege dokumentiert werden. [7]
Literaturangaben
- Knöss WS, F.; Reh, K.: Europäische Gesetzgebung zu besonderen Therapierichtungen. Bundesgesundheitsblatt -Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2008, 51: 771 - 778.
- Joos S, Musselmann B, Szecsenyi J: Integration of Complementary and Alternative Medicine into Family Practices in Germany: Results of a National Survey. Evid Based Complement Alternat Med 2009. p.8 published online
- Ulatowski H: Schulmedizin versus Naturheilverfahren: Hauptsache pflanzlich. Deutsches Ärzteblatt 2011, 108(15): 864 -866.
- Achenbach GB: Pluralismus in der Medizin: Wahrheit als Verschiedenheit. Deutsches Ärzteblatt 2011, 108(3):98 - 101.
- Witt CM: Komplementärmedizin: Weitere Forschung ist die Basis für Integration in die Versorgung. Deutsches Ärzteblatt 2009, 106(37):1786 - 1799
- Fonnebo V, Grimsgaard S, Walach H, Ritenbaugh C, Norheim AJ, MacPherson H, Lewith G, Launso L, Koithan M, Falkenberg T et al: Researching complementary and alternative treatments--the gatekeepers are not at home. BMC Med Res Methodol 2007, 7: p 7 published online
- Willich SN, Girke, Matthias; Hoppe, Jörg-Dietrich; Kiene, Helmut; Klitzsch, Wolfgang; Matthiessen, Peter F.; Meister, Peter; Ollenschläger, Günter; Heimpel, Hermann: Schulmedizin und Komplementärmedizin: Verständnis und Zusammenarbeit müssen vertieft werden. Deutsches Ärzteblatt 2004, 101(19):1314 -1318
- Jeschke E, Ostermann T, Lüke C, et al. Prescribing Patterns and Adverse Drug Reactions for Remedies Containing Asteraceae Extracts: A Prospective Observational Study in German Primary Care. Drug Safety 2009;32:671-706.
- Jeschke E, Luke C, Ostermann T, et al. Verordnungsverhalten anthroposophisch orientierter Ärzte bei akuten Infektionen der oberen Atemwege[Prescribing practices in the treatment of upper respiratory tract infections in anthroposophic medicine]. Forsch Komplement Med 2007;14:207-15.
![Bild 1 Forschungspläne für konventionelle und komplementäre Medizin (angepasst aus [6])](system/html/Forschung_umgekehrt-74de7506.png)